Hallo meine Lieben,
Nach einer langen Schreibpause wegen der zweimonatigen Weihnachtsferien, der Anreise und Abreise meiner Eltern und der erneute Arbeitsbeginn haben mich etwas faul werden lassen. Nun ist meine Lust aber wieder erwacht, da ich von Blogberichte und Rundmails aus aller Welt förmlich überflutet werde (nicht wahr Verena! ) und das schwer an meinem Gewissen nagt.
Aber eins nach dem Andern.
Bogotá
Kurz nach Weihnachten, über das ich beschämenderweise kein einziges Wort verloren habe, kamen am 26. Dezember meine Eltern am Flughafen El Dorado an. Auch hier war mir die Namensgebung wieder ein absolutes Rätsel, was möglichweise daran liegen kann, dass der Internationale Teil neu gebaut wird und daher alles andere als golden aussieht. Wie ich aber später herausfinden sollte befindet sich das (vermutlich) echte mythenumwobene Eldorado genau hier in Kolumbien und gar nicht soweit entfehrnt von Bogotá. Also ist der Name vielleicht doch nicht zu weit hergeholt. Aber nun zurück.
So fuhren wir also am 26.Dezember abends zum Flughafen, bereit meine Eltern mit einem riesigen selbstgebastelten Willkommensplakat zu begrüßen und in Belgeitung eines Onkels der sein Auto für den imensen Koffertransport meiner Eltern zur Verfügung stellte. Immerhin sollten es 4 große Koffer á 20 kg sein, die NIE unter KEINEN Umständen in das Auto meiner Gastfamilie gepasst hätten.
So standen wir also alle dort, direkt vor dem Eingang, Plakat in Position gebracht, uns vergewissert dass alle eine gute Sicht hatten und dann hieß es warten… denn die Lufthansa Maschine musste in Frankfurt enteist werden und hatte somit zwei Stunden Verspätung.
Und dann war es soweit, meine Eltern kamen durch die große Schiebetür, alle waren völlig aufgelöst und am weinen: Meine Schwester Naty, weil sie IHRE Gasteltern seit vier Jahren nicht mehr gesehen hatte, MEINE Gastfamilie, weil sie endlich meine Eltern kennenlernen durften, ich weil ich froh war sie wieder zu sehen, und mein Onkel – naja wohl eher aus Solidarität. Und dann! Dann mussten wir feststellen dass wir die Kamera vergessen hatten….

Willkommensplakat mit Natys winzigem Schönheitsfehler. Aber man verzeih ihr, vier Jahre ist doch eine lange Zeit
Noch am selben Abend, nach der inneren Uhr meiner Eltern war es bereits 2Uhr nachts, fuhren wir sie ins Hotel Deco im Zentrum. Auf dem Weg erlitten sie den ersten Schock: wir fuhren durch menschenleere Straßen weil auch am zweiten Weihnachtsfeiertag jeder daheim bleibt und dazu noch durch eine sehr arme Gegend die bei Nacht noch ärmlicher und beängstigender aussieht.
Aber im Hotel angekommen durften sie aufatmen. Gemütlicher europäischer Flair mit original IKEA-Einrichtung unter italienischer Führung. Dort haben wir dann die zwei Jetlag-Müden glücklich und zufrieden ihrem Schlaf überlassen.
Am nächsten Tag trafen Naty und ich meine Eltern auf der Dachterrasse des Hotels an. Bei Sonnenschein genossen sie die ersten warmen Strahlen nach dem langen und kalten Winter dem sie gerade entflüchtet waren.
Um das gute Wetter gleich zu nutzen beschlossen wir auf den Montserrate zu gehen, um die gute Aussicht zu nutzen, denn in Bogotá weiß man nie was einem das Klima bringt. Wir verabredeten uns mit dem Rest meiner Gastfamilie und machten uns zu Fuß auf den Weg. Das sollte sich allerdings als große körperliche Herausforderung für meine Eltern herausstellen da sie nicht nur dem Klimawechsel sondern auch dem Höhenunterschied ausgesetzt waren. Wir gingen es aber mit der nötigen Langsamkeit an, denn auch kleine Schritte führen bekanntlich zum Ziel.
Als wir oben auf dem Gipfel aus der Gondel schweizer Herstellung stiegen (Na, wer sonst als die Schweizer würden dafür in Frage kommen?) , waren auch sie, wie schon so viele andere Besucher einfach nur begeistert von der Aussicht.
Einmal die Aussicht genossen haben wir uns daran gemacht gleich mal damit anzufangen meinen Eltern zu zeigen was es hier alles gibt, hier in Colombia. Am besten fängt man damit hinter der Kirche Montserrate an. Da gibt es nämlich eine wunderschöne kleine Einkaufstraße mit typischen Ständen wo man so allerlei seltsame Dinge bekommt.
Neben BIO(!!!) Koka-Blättern, Kokatee und gerösteten Ameisen haben wir erstmal Canelazo gekauft. Das ist ein Getränk aus Wasser mit Panela (Eine Paste die aus Zuckerrohr hergestellt wird und zu den Grundnahrungsmitteln Kolumbiens gehört) einem Schuss Aguardiente (Zuckerrohrschnaps, das alkohlische Getränk Nr.1) und gewürzt mit ein bisschen Zimt. Dieses Getränk ist übrigens an JEDER Ecke in Bogotá erhältlich und für gerade mal 1€ eine billige Methode sich zu betrinken.
Gegen später fuhren wir wieder nach Hause. Denn es gab noch etwas sehr sehr wichtiges. Beschehrung!!!!! Meine Eltern hatten nämlich einen ganzen Koffer an Weihnachtsgeschenken dabei, die alle ausgepackt werden wollten. Und ich war natürlich ganz besonders scharf auf die Süßigkeiten. Denn wenn man einmal sein ganzes Leben an deutsche Schleckerein gewohnt ist haut einen das kolumbianische Colombina-Bonbonbun-Süßzeug nicht gerade vom Hocker. Und schon gleich gar nicht die Schokoladen.
In den darauf folgenden Tagen haben wir ein bisschen Bogotá erkundet und die dem ein oder anderen von euch bereits bekannten Ort besucht wie die Candelaria, das Museo Nacional, den Botanischen Garten, haben uns den Wachenwechsel angesehen, waren auf dem Zentralplatz Bolívar und haben das berühmte Goldmuseum betreten. Es beherbergt die Weltgrößte Goldsammlung, und ich hab wirklich noch nie in meinem Leben soviel Gold auf einem Fleck gesehen. Dort sind wir auch dem “Eldorado” zum ersten Mal über den Weg gelaufen, aber davon werde ich euch später erzählen.
Als Finale unsere Museum-Touristen- Tour stand das Botero Museum. Ein Kolumbianischer Künstler hat all seine Werke diesem Museum gespendet und dank ihm kann man es so oft und so lange besuchen und sich die “wuchtigen” Gemälde anschauen. Denn wuchtig sind sie wahrhaftig. Botero hat liebend gerne Alltagssitutionen dargestellt, aber auf eine Weise die zum schmunzeln anregt. Ein Kunstbanause würde auf den ersten Blick feststellen dass alle Persönlichkeiten auf seinen Gemälden schlicht und ergreifend FETT sind. Würde man sie aber durch die Augen eines Künstlers oder eines Kunststudenten betrachten würde man sofort erkennen, dass sie lediglich BREIT sind – versteht sich von alleine, oder? Ich bleib beim Banause und behaupte sie sind FETT!
Eine Kopie dieses Bildes hat übrigens später den Weg nach Deutschland angetreten und hängt nun, geht es nach meinem Vater, bei uns auf dem Gästeklo. Geht es nach meiner Mutte findet es höchsten Platz HINTER einem Schrank. Wo es letztenendes hinkam weiß ich nicht ;)
Puente Boyacá
Eines Mittags saßen wir in unserem Wohnzimmer auf den Sofas umgeben von bestickten und glitzernden Brokatkissen, zwischen unseren Füßen lungerte Rocky der vor lauter Langeweile auch schon die Ohren hängen ließ und überlegten uns ob wir den Rest des Tages in einem weiteren Shoppingcenter, der Scheinwelt der Kolumbianer, verbringen sollten, ob es lohnenswert wäre sich in einen Kinosessel zu kuscheln oder ob wir einfach einen Familienabend machen sollten und Parqués (kolumbiansche Abwandlung von Mensch-Ärgere-Dich-Nicht) spielen wollen. Auf jedenfall musste irgendwas gemacht werden, Bogotá war besichtigt und die Langeweile saß uns in den Knochen. Da trat Alcira, meine Gastma mit DER Idee auf den Plan: Puente Boyacá. Klang gut, war ein historischer Ort mit einer Brücke an der die entscheidende Unabhängigkeitsschlacht der Kolumbianer gegen die Spanier stattfand und wurde im Reiseführer hoch angepriesen. Super Idee! Nichts wie hin! Wann fahren wir los? Um 3!! …. Wir fuhren um 5.
Da in einem normalen Auto eigentlich nur 5 Leute Platz finden wir aber zu 8 waren, mussten Naty, Daniel und Ich zwangsläufig in den Kofferraum ausweichen, der mit Kissen ausgestattet sogar recht gemütlich wurde. Und so ging es dann auf die Autobahn Richtung Puente Boyacá. 110 km sollten es sein, was weder Ich noch meine Eltern geahnt hatten, und da ich erfahrungsgemäß von der selbst erhobenen Maximalgeschwindigkeit von 50 km/h meines Gastvaters José wusste, schwante mir böses. Auf kolumbianischen Autobahnen darf man maximal 80 km/h fahren und das ist schon nicht viel. Da darf man gar nicht erst erwähnen, dass man in Deutschland theoretisch (wenn auch nur streckenweise) so schnell fahren kann wie der Schlitten eben zulässt – das übersteigt jegliche Vorstellungskraft ihrerseits.
Draußen wurde es dunkel, die Hoffnung dieses monumentale Denkmal bei Tageslicht zu sehen schwand dahin, aber es wurde langsam kuschlig warm, während es draußen spürbar kälter wurde. Die beschlagenen Scheiben waren ein unverkennbares Zeichen dafür. Da das ja bekanntlich die Sicht des Fahrers einschränkt musste man also was dagegen tun. Und schon griff José zum – nein, nicht zum Gebläse sondern zur Fensterkurbel!!! Zack, Fenster runter, Problem gelöst.
Nach 2 Minuten wurde es merklich kühler im Auto. Meine Gastmutter schien das gewusst zu haben, packte Schal und Handschuhe aus und drehte aus Solidarität zum Mann auch noch das Fenster runter. Wunderbar. Kolumbianischer Pragmatismus. Das Cockpit ist perfekt ausgerüstet und der Rest der Besatzung holt sich den Tod.
Kolumbianer können Auto fahren, und wie. Aber was für Knöpfe sie da am Armaturenbrett haben wissen sie nicht.
Zum Glück war die Fahrt nach 3 Stunden vorbei. Von der Straße fuhren wir auf den Parkplatz und hatten einen perfekten Blick hinab in eine Kuhle an dessen tiefstem Punkt eine kleine winzige Brücke zu erkennen war, umgeben von aber und abermillionen Lichterketten und leuchtender Weihnachtsdekoration. Mit dem Strom hätte man ein 3000-Einwohner-Dorf erleuchten können. Ganz unwillkürlich habe ich mich an amerikanische Weihnachtsfilme erinnert gefühlt…
Silvester
Der 31.Dezember 2010 war ein lang geplanter Abend seitens meiner Gasteltern. Da mein Gastvater früher bei der Polizei gearbeitet hat und es dort bis zum Coronel geschafft hat ist er Mitglied im Polizeiclub. Clubs sind generell eine tolle Sache. Man ist unter Gleichgesonnenen, man hat Zugang zu den besten Sportanlagen, Wellnessbereichen, Hotels etc. Der Polizeiclub hat allerdings neben all diesen Dingen auf dem selben Areal das strategische Hauptquartier der Polizei von wo aus die Einsätze und Ermittlungen gegen die FARC geleitet werden, die Villen für die Generäle und zu guter letzt wohnt dort Ex-Präsident Uribe.
Dort fand auch diesesmal der Neujahrball statt und meine Gasteltern haben uns alle eingeladen an diesem Galaessen teilzunehmen.
Selbstverständlich verbrachten wir Frauen den Tag im Friseursalon um dem Anlass entsprechend auszusehen. Hier kann man sich für einen Spottpreis eine Komplettrenovierung gönnen: Mani und Pediküre für gerade mal 5€, komplett Entfehrung sämtlicher Körperbehaarung (auch nochmal ein Thema das einen Artikel wert wäre) für 11€. Wer sich die Haare zurecht machen lassen will geht einfach mit frisch gewaschenen zum Friseur und kommt fertig gestylt wieder raus. Glatt oder Lockig, Hochsteckfrisur oder einfach ein paar Stähnchen zurecht gezupft, 5€ . Ein Paradies für jede Frau, dass Jule meine neue deutsche Arbeitskollegin auch schon entdeckt hat. Von ihr dürfte ich aber noch nicht erzählen, denn sie war zu dem Zeitpunkt noch in Deutschland. Aber auch davon später.
Aufs Äußerste herausgeputzt fuhren wir dann zum Polizeiclub und warteten auf den Einlaß in den Saal während meine Gasteltern sich schon mal damit amüsierten andere bekannte Gesichter zu begrüßen und unbekannte Gesichter taxierend zu mustern.
Der Saal war zum Bersten mit Tischen gefüllt, eine kleine Tanzfläche befand sich ganz vorne am Eingang und eine Band spielte als wir alle reinliefen. Und das war wirklich wie eine Modeschau. “Schau mal das ist der General So-und-So mit seiner Frau”, “Mensch das ist die Tochter vom Coronel XY?”, “Oh. Dieses Keid hätte sie besser nicht tragen sollen” … Auch Kolumbianer sind Lästermäuler, cierto Naty? :D
Als Essen wurde uns eine köstliche Zusammenstellung aus Schweinshaxen, Fischfilet, Krabbensalat und Putenbrust serviert. Eine interessante Kombination aber eine sehr willkommen Abwechslung bei dem alltäglichen Speiseplan.
Nachdem sich dann alle die Bäuche vollgeschlagen hatten, legte die Band wieder Tanzmusik auf und es hieß raufs aufs Parkett und das Tanzbein schwingen!!
Und so verging die Zeit wie im Fluge, wir hatten einen Mord Spaß auf der Tanzfläche und alles war begeistert von den gar nicht so steifen Bewegungen der “Europäer”, die ja unter Latinos den Ruf schlechter Tänzer weghaben und allenfalls zum Marschieren dienen aber niemals die Hüften schwingen können. Alles nur Vorurteile!! schreit da der kleine Europäer in einem drin. Aber an denen ist ja immer ein Fünkchen Wahrheit dran…
Und plötzlich gibt der Sänger bekannt, dass es nur noch 10 Minuten bis Silvester sind!
Der Countdown wird freudig in den Saal geschrieen, und dann ist es schon Neujahr. Das Jahr 2011 beginnt. Wir stoßen an, gratulieren uns, wünschen uns nur das Beste fürs neue Jahr und essen nach kolumbianischer Tradition die 12 Trauben, jede einzelne steht für einen Wunsch.
Frohes neues Jahr und fröhliche Wurzelvergrößerung!
Gell Nikolai, verstosch mi :D














